"Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

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Old Firehand63
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"Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#1 Beitrag von Old Firehand63 » 1. Mär 2019, 12:54

Hallo zusammen,

schon seit ich vor vielen Jahren zum ersten Mal Winnetou II gelesen habe, wundere ich mich über diese Szene: Santer belauscht Winnetou und Old Shatterhand. Winnetou bemerkt dies und will SAnter (zu dem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass es Santer ist) beschleichen. Die Sache geht gründlich schief: Winnetou wird von Santer niedergeschlagen und qualvoll gefesselt.

Was ich da nicht verstehe: Winnetou wird immer als mit Superaugen und Supergehör ausgestattet beschrieben. Aber trotzdem verliert er den "Anschleichwettbewerb " gegen Santer. Denn sie beschleichen sich ja gegenseitig, und Santer hat in diesem Fall das bessere Ende für sich.

Da ich recht phantasievoll bin, habe ich mir hier schon einige Szenarien überlegt, wie das zugegangen sein könnte (ich lebe manchmal richtig in diesen Geschichten). Aber noch keines dieser Szenarien hat mich befriedigt.

Wie denkt ihr darüber.

Viele Grüße
Old Firehand63

P.S: Old Firehand ist mein Lieblingsheld im Karl- may- Geschichtenuniversum.

Rainman

Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#2 Beitrag von Rainman » 1. Mär 2019, 13:04

Hallo,

ich muß die Szene erstmal suchen, erinnere mich spontan nicht. Muß ja im Schlußteil sein.
Naja, auch ein Winnetou ist "fehlbar" ...
Vielleicht läßt sich ja auch aus dem Text herauslesen, was den "Lapsus" verursacht. Melde mich dann nochmal.
P.S: Old Firehand ist mein Lieblingsheld im Karl- may- Geschichtenuniversum.
Ja, den habe ich auch nach wie vor als Bild (Postkarte vom KMV) im Bücherregal stehen ...
Und die Geschichte "Old Firehand", die Urfassung, in der Harry noch Ellen ist, finde ich eine sehr wesentliche ...
Ich fand sie schon immer sehr reizvoll, und in "späteren Jahren" erkannte ich, was es damit auf sich hat ... eine existenzielle Liebesgeschichte ...

(Lauter Neuanmeldungen hier, BiblioMan, Rainman, und jetzt Old Firehand ... Hüschs "Wer is datt dann ?" kann einem einfallen ...)

______________________________________
Raider heißt jetzt Twix, sonst ändert sich nix

Rainman

Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#3 Beitrag von Rainman » 1. Mär 2019, 13:53

Der Text klärt's auf:
Wirst du eingestehen, daß ihr gestern abend meine Augen gesehen habt?«
»Ja,« nickte ich.
»Er wollte auf mich schießen?«
»Ja.«
»Ich sah es und verschwand natürlich auf der Stelle. Da ging er fort, um mich zu beschleichen. Giebst du auch das zu?«
»Warum nicht?«
»Mich beschleichen, hahahaha! Ich wußte doch, daß ich bemerkt worden war; das hätte sich ein jedes Kind gesagt. Mich dennoch beschleichen zu wollen, war eine Dummheit, die mit gar keiner andern zu vergleichen ist. Ihr habt dafür Prügel, ja wirklich Prügel verdient. Anstatt er mich, beschlich ich ihn und schlug ihn, als er kam, mit einem einzigen Kolbenhiebe nieder.
Santer ist im Vorteil da er weiß das Winnetou ihn beschleichen will ... Winnetou weiß das umgekehrt nicht ...

Old Firehand63
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Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#4 Beitrag von Old Firehand63 » 1. Mär 2019, 17:32

Hallo zusammen,

danke für die Antworten.

Ja, so habe ich das noch nicht gesehen. Santer scheint in der Tat (obwohl ein Bösewicht) kein ganz übler Westmann. Ich versuche mich mal ein bisschen in Santer reinzuversetzen (obwohl ich eigentlich kein Bösewicht bin:-)) und in der Ich- Form zu schreiben, was da in der Geschichte passiert sein könnte.

"Eigentlich hatte ich gedacht, dass die Büsche ein gutes Versteck sind. Doch plötzlich sah ich Winnetou zu einer Silberbüchse greifen. Trotz aller Vorsicht meinerseits hatte er offensichtlich meine Augen gesehen. Ich wusste, dass dieser Apachenhund den Knieschuss beherrschte. Und dazu durfte ich es auf keinen Fall kommen lassen. Ich schloss schnell die Augen bis auf einen winzigen Spalt und kroch außerdem einen Meter zurück. Dann legte ich mich wieder lang ausgestreckt nieder. Angestrengt lauschte ich. Doch der Apatsche sprach so leise mit seinem Blutsbruder Old Shatterhand, dass ich nichts verstehen konnte, obwohl ich kaum 20 Meter entfernt war. Aber plötzlich sagte Winnetou laut und klar verständlich: "Iltschi ist noch frei. Der Apache geht, ihn draußen anzubinden, damit er über Nacht Gras fressen kann."

Dieses plötzliche Erheben der Stimme fiel mir auf. Old Shatterhand und meine drei Gefährten, die ich den Blutsbrüdern als Lockvögel entgegengesandt hatte, hätten seine Worte auch dann verstanden, wenn sie in der bisherigen Lautstärke gesagt worden wären. Ich überlegte kurz, was es mit dieser Sache auf sich hatte und glaubte, schon in ganz kurzer Zeit das Richtige erraten zu haben. Ich selbst sollte diese Worte auch hören, um über seine wahren Absicht getäuscht zu werden. Und was konnte das sein? Doch nur, mich beschleichen und überwältigen zu wollen. Das war klug ausgedacht. Aber nicht klug genug um mich, Frederic Santer zu täuschen. Nun, da ich wusste, was mich erwartete, beschloss ich, den Spieß umzudrehen. Die dreckige Rothaut sollte nur kommen...

EIn Vorteil war, dass ich den Platz, an dem ich mich befand, gut kannte. Ich hatte ihn schon am Tage so genau in Augenschein genommen, dass ich jedes Detail davon im Kopf hatte. Es war mir dabei gelungen, verräterische Spuren zu vermeiden oder aber gründlich zu verwischen. Auch hatte ich von weitem die Ankunft der Blutsbrüder beobachtet. Darum wusste ich jetzt auch, wo ihre Pferde weideten. Als Nächstes dachte ich mir unter berücksichtigung sich bietender Deckunsmöglichkeiten eine Linie von den weidenden Pferden zu dem Busch, hinter dem ich mich versteckt gehabt hatte. Auf ihr musste der Apache angeschlichen kommen. Sie führte so weit an Old Shatterhand vorbei, dass es ihm mit Sicherheit unmöglich war, mitzubekommen, was da bald geschehen sollte. Nun galt es nur noch einen Platz zu finden, der geeignet dafür war, Winnetou zu überraschen. Der Ort musste so gut gewählt sein, dass er nicht vorzeitig etwas merkte.
Schon nach wenigen Augenblicken fiel mir ein solcher Ort ein. Ziemlich genau auf der gedachten Linie stand eine ziemlich große Zeder. Und unmittelbar vor ihr wuchs ein wildes, dichte Brombeergestäuch. Hier beschloss ich mich auf die Lauer zu legen.

Vorsichtig öffnete ich die Augen und sah, dass Winnetou mit übergehängter Satillodecke in Richtung der Pferde verschwand. Das klappte ja prima. Er bekam nicht mit, was hinte rihm geschah. Schnell kroch ich noch ein Stück zurück, schlug einen Bogen und huschte zu der Zeder. Unbehelligt langte ich dort an. Vom Baumstamm her arbeitete ich mich in das dornige Gesträuch hinein. Nur meiner kräftigen Lederbekleidung verdankte ich es, dass ich mich dabei nicht schwer verletzte. Nach knapp fünf Minuten lag ich so, dass das Zweig- und Blattwerk mich gut bedeckte und spähte hinaus. Hier musste der Apatsche vorbeikommen. Es war nur die Frage: Kam er dabei dem Gesträuch sehr nahe oder würde da ein Stück Abstand bleiben? Für alle Fälle machte ich mich auch sprungbereit. So wartete ich vielleicht fünf Minuten. Dann sah ich im schwachen Licht der Sterne, die da und dort zwischen den Wolken hervorblitzten, eine dunkle Masse. Sie kroch langsam durch das Gras und kam dabei immer näher. Das musste Winnetou sein. Nach einer Weile merkte ich, dass ihn sein Weg recht nache an meinem Busch vorüberführen musste. Er schien also nicht damit zu rechnen, dass ich ihm vielleicht entgegengekrochen sein könnte. Das wunderte mich ein wenig, denn es passte nicht so ganz in das Bild, das ich durch die vielen Erzählungen über ihn gewonnen hatte.

Ich durfte mich diesen gedanken jedoch nicht länger hingeben, denn der Augenblick der Entscheidung war da. Jetzt hatte Winnetou den Busch erreicht. Er kroch noch drei Fuß weiter. Dann brach ich durch die Büsche. ich schlug ihm den Gewehrkolben mit solcher Wucht gegen den Hinterkopf, dass er augenblicklich zusammenbrach. Nur ein kurzes Röcheln war noch zu hören. Sofort trat ich vollends herzu. Winnetou lag mit geschlossenen Augen leicht auf der Seite und rührte sich nicht. Sofort nahm ich ihm die Waffen aus dem Gürtel, band ihm die Hände auf dem Rücken zusammen und fesselte auch seine Füße. Das war viel leichter gelungen als ich gedacht hatte.

Nun musste ich mich aber um Old Shatterhand kümmern, um ihn, bevor er Verdacht schöpfte, möglichst auch zu überwältigen. Ich überlegte kurz, wie das zu bewerkstelligen wäre. Aber auch hier kam ich schnell auf den richtigen Einfall. Der Apache hatte, um mich zu beschleichen seine Decke weggelegt. Ich musste sie mir nur überhängen, um dann als "Winnetou" zu Old Shatterhand zu kommen. Zunächst fühlte ich jedoch bei Winnetou, der immer noch bewusstlos dalag, den Puls. Er war zwar wahrnehmbar, aber sehr schwach. Ich vermutete, dass es mindestens noch eine Vietelstunde dauern würde, bis der Apache wieder zu sich kam. Und bis dahin musste ich auf jeden Fall mit Old Shatterhand fertig sein. Ich ließ Winnetou einstweilen liegen und kroch die Strecke, auf der der Apache gekommen war, zurück. Schon nach wenigen Minuten stieß ich auf seine Decke. Ich hängte sie mir über und ging mit sorglosen Schritten zu Old Shatterhand. Er kehrte mir den Rücken zu. Als ich ihn fast erreich tatte, wandte er jedoch den Kopf. Mit dem gewehr ausholend rief ich: "Nun den hier!" Old Shatterhand erschrak. Er erkannte, dass ich nicht Winnetou war und wollte sich vor meinem niedersaudenden Gewehrkolben noch schnell zur Seite werfen. Dies gelang ihm jedoch nicht völlig. Mein Schlag traf ihn darum ins Genick, was ihn sofort lähmte. Und mit einem weiteren Hieb auf den Kopf betäunte ich ihn vollends ganz. Nun entwaffnete und fesselte ich auch ihn."

Ich habe mal meiner Phantasie freien Lauf gelassen. So ungefähr könnte es gewesen sein.

Liebe Grüße
Old Firehand 63

Rainman

Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#5 Beitrag von Rainman » 1. Mär 2019, 17:57

Von Sam Hawkens habe ich auch schon mal was in der Ich-Form gelesen. Ist das auch von Ihnen ? :-)

Old Firehand63
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Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#6 Beitrag von Old Firehand63 » 1. Mär 2019, 18:07

Nein, ist es nicht

Rene Grießbach
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Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#7 Beitrag von Rene Grießbach » 1. Mär 2019, 19:28

Old Firehand63 hat geschrieben: Santer scheint in der Tat (obwohl ein Bösewicht) kein ganz übler Westmann.
Er hat offensichtlich große Westmannsqualitäten, die er leider für das Böse verwendet.
Dass er, wäre er ein Guter, auch ein guter Westmann gewesen wäre, zeigt schon die Tatsache, dass er von den positiven Helden NICHT besiegt wurde, dass es ihm immer wieder gelang, zu entkommen und sogar Winnetou zu überwältigen. Was geschehen wäre, wenn er am Ende von Winnetou III nicht mit dem Schatzversteck in die Luft geflogen wäre, weiß niemand. Übrigens ist Santer da nicht der einzige Schurke in den May-Romanen, die von Menschen unbesiegt blieben. Im Parallel-Forum hatte ich schon mal vor längerer Zeit drüber sinniert, was wohl geschehen wäre, wenn der Schut nicht in die Verräterspalte abgestürzt wäre. Denn besiegt wurde er nicht von Kara Ben Nemsi, sein Ende war nur ein Unfall.

Old Firehand63
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Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#8 Beitrag von Old Firehand63 » 2. Mär 2019, 12:37

Santer wäre aber noch um ein Haar von Old Shatterhand erschossen worden. Es heißt, dass Old Shatterhand, nachdem Santer Winnetous Testament zerrissen hat, den weittragenden Bärentöter anlegt. Dabei hatte er gerufen: "Ich soll dich grüßen von Intschu tschuna und Nscho tschi; und im Namen Winnetous schicke ich dir diese Kugel. Zu bedanken brauchst du dich nicht."

Als ich- Erzähler erzählt Old Shatterhand/ Karl May dabei: "Der Schuss war sicher, denn das Zielen nimmt bei mir kaum einen Augenblick in Anspruch."

Doch die Explosion, die Santer versehentlich auslöst, kommt diesem Schuss um wenige Sekunden zuvor. Bevor Old Shatterhand schießen kann sprengt sich Santer selbst in die Luft und danach in den See.

Wobei der Leser aber auch erfähhrt, dass Winnetou diese Sprengladung noch angebracht hatte, als er das Gold vom Nugget Tsil fortgeschafft und an diesem See neu versteckt hat. Dabei hat er die Sprengladung so angebracht und das Ganze in seinem Testament so beschrieben, dass nur Old Shatterhand die Sache richtig verstanden hätte und sich darum jeder Unberufene selbst in die Luft sprengen musste. Also hat Santer doch noch die Rache Winnetous ereilt (obwohl Winnetou selbst da schon tot war)

Rainman

Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#9 Beitrag von Rainman » 4. Mär 2019, 14:50

Old Firehand63 hat geschrieben: Es heißt, dass Old Shatterhand, nachdem Santer Winnetous Testament zerrissen hat, den weittragenden Bärentöter anlegt. Dabei hatte er gerufen: "Ich soll dich grüßen von Intschu tschuna und Nscho tschi; und im Namen Winnetous schicke ich dir diese Kugel. Zu bedanken brauchst du dich nicht."
Als ich das hier so las, bezweifelte ich zunächst, daß Old Shatterhand bei May das tatsächlich so ausgerufen habe, das hat ja nichts von Größe und Abgeklärtheit und über den Dingen stehen oder dergleichen, sondern klingt recht billig nach fadem Ätschebätscherachedenken ...

Aber tatsächlich, so [ähnlich] steht es da:
»Intschu tschuna läßt dich grüßen!«
»Danke!«
»Nscho-tschi auch!«
»Danke sehr, danke!«
»Und im Namen Winnetous schicke ich dir diese Kugel. Zu bedanken brauchst du dich nicht!«
Seltsam. Dem Fehsenfeld vermutlich auf die Schnelle so hingeschrieben für den dritten Band, bissel kolportagemäßig niveaulos ...

Rainman

Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#10 Beitrag von Rainman » 4. Mär 2019, 14:54

Rainman hat geschrieben: Größe und Abgeklärtheit
Ich hätte mir im Nachhinein vorgestellt daß Shatterhand Santer richtet, und zwar eher wort- und relativ emotionslos. Mays Text klingt an der Stelle unpassend plakativ nach Freilichtbühnen oder Fanfilm ...

Scharlih
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Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#11 Beitrag von Scharlih » 5. Mär 2019, 06:01

Ähm, dir ist aber schon bekannt, dass es zwischen den bamberger-Ausgaben und der historisch-kritischen Unterschiede gibt?

Rainman

Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#12 Beitrag von Rainman » 5. Mär 2019, 06:15

Zitiert ist aus der Originalfassung auf den Internetseiten der KMG.
In der Bamberger Ausgabe steht übrigens in dem Fall das Gleiche.

Scharlih
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Re: "Winnetou" Band 2- Winnetou wird von Santer überwältigt

#13 Beitrag von Scharlih » 5. Mär 2019, 08:26

OK., alles klar.

Old Firehand63
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Winnetou wird von Santer überwältigt- was weiter geschehen sein könnte

#14 Beitrag von Old Firehand63 » 12. Mär 2019, 13:00

Santer erzählt weiter
"Das wäre also geschafft!" dachte ich erleichtert, nchdem ich mit Old Shatterhand fertig war. Aber im nächsten Moment wurde mir auch klar: Ich hatte innerhalb weniger Minuten allein die beiden Männer überwältigt, die als die berühmtesten des ganzen Wilden Westens galten; wobei das nicht wirklich schwer gewesen war. Entweder stimmte nicht alles, was über sie erzählt wurde oder sie hatten beide ihren schwachen Tag gehabt oder aber meine Westmannsqualitäten waren den ihrigen mindestens ebenbürdig. Wobei mir aber viele auch schon bescheinigt hatten, dass ich ein Westmann sei, der sich mit seinen Fähigkeiten durchaus sehen lassen könne. Meistens wurde jedoch in anderer Weise über mich gesprochen, und das lag an meiner besonderen Art, zu leben. Ich erntete nun einmal gerne da, wo ich nicht gesät hatte, und auf ein oder mehrere Menschenleben kam es mir dabei im Ernstfall auch nicht an. Meine besondere Leidenschaft galt jedoch dem Gold. Das verlangen danach war schon fast eine Sucht zu nennen. Nicht nur, weil dieses edle Metall die beste Gelegenheit dazu bot, schnell reich zu werden. Sicher kannten auch Winnetou und Old Shatterhand Goldvorkommen. Ich nahm mir vor, sie erst durch besonders schwere Martern dazu zu zwigen, mir solche verstecke zu verraten und sie dann zu töten. Denn töten musste ich sie, da ich, solange sie lebten, meines eigenen Lebens nie sicher sein konnte. Schließlich hatten sie den Tod Intschu tschunas und Nscho- tschis an mir zu rächen.

So weit war ich in meinen Gedanken gekommen, als ich von der Stelle, an der ich Winnetou bewusstlos und gefesselt zurückgelassen hatte, den schrillen Schrei eines Kriegsadlers vernahm. Zunächst erschrak ich, aber dann war mir klar, was dies zu bedeuten hatte: Der Apachenhäuptling war wieder zu sich gekommen, hatte seine hilflose Lage erkannt und auf diese Weise seinen Blutsbruder Old Shatterhand warnen wollen.

Ich wandte mich meinen drei Gefährten zu und gebot ihnen: "Bringt den Apachenhäuptling her. Legt ihn ein Stück weit von Old Shatterhand nieder und entfernt euch dann. Ich möchte den Augenblick, in dem ich zu ihm trete und er mich wiedererkennt, in vollen Zügen auskosten."

Zwei der drei gingen, um dieser Weisung Folge zu leisten. Währenddessen untersuchte ich Old Shatterhand. Ich fühlte nach seinem Puls, konnte ihn aber kaum spüren. Es würde noch lange dauern, bis er -wenn überhaupt- wieder zu sich kommen würde.

Da wurde Winnetou gebracht und in einer Entfernung von vielleicht 10 Metern neben Old Shatterhand niedergelegt. Die beiden, die ihn getragen hatten, entfernten sich.

Nun trat ich vor den gefesselten Apachen. Er hatte die Augen offen und sah mir entgegen. "Guten Morgen, Rothaut!" grüßte ich ihn. "Wie ich sehe, hast du ausgeschlafen."

In diesem Augenblick zuckte es leicht in Winnetous gesicht. Er hatte mich wiedererkannt und seine Überraschung darüber nicht ganz verbergen können. Außerdem meinte ich, in seinem Gesicht auch Ärger zu lesen. Ärger darüber, dass er mich, seinen Todfeind in einer Weise wiedersah, die er sich sicher so nicht ausgerechnet hatte. Ich beschloss, den Augenblick voll auszukosten. Darum fragte ich ihn: "Weißt du noch, was meine letzten Worte an dich waren, als du damals auf dem Red River meinem Boot vergeblich nachgeschwommen bist?"

Winnetou blieb stumm.

"Aha, du bist zu stolz und sprichst nicht mit jedem!" fuhr ich fort. "Du wirst schon noch antworten lernen; verlass dich drauf!" Also ich habe gesagt: „Hast du mich, Hund? Ich hebe die Kugel auf fürs nächste Wiedersehen!“ Nun, eine Kugel werde ich nicht mehr brauchen, da ich dich ja schon fest in meiner Gewalt habe. Aber nun weiter: Ich vermute, dass ihr hier in dieser Gegend gejagt und dabei gute beute gemacht habt. Wo habt ihr die Felle versteckt?

Wieder sagte der Apache nichts.

In noch ruhigem Tonfall fuhr ich fort: "Und ein Goldversteck wirst du mir auch verraten."

Aber mal antwortete Winnetou nicht.

"Na gut, du willst es nicht anders, Rothaut!" fuhr ich fort. Ich gab zweien meiner Gefährten einen Wink. Sie nahmen einen starken Ast, banden ihn quer an Winnetous Fußknöchel und zogen ihm, nachdem sie ihn auf den Bauch gedreht hatten, daran die Beine in die Höhe. dann zog ich ihm die Mokassins von den Füßen und warf sie ins Feuer. Als nächstes erhitze ich in der Flamme meine Messerspitze. Als sie glühte, drückte ich sie auf Winnetous entblößte Fußsohlen. Sofort erfüllte ein geruch nach verbranntem Fleisch die Luft. Aber der Apache blieb trotzdem regungslos; auch als ich meine Fragen an ihn wiederholte. Auch kam kein Laut über seine Lippen.

"Nun denn, schließt ihn krumm!" rief ich daher.

Meine drei Gefährten bogen Winnetous Körper so weit durch, dass er ein deutliches Hohlkreuz bildete. Dann banden sie seine Handgelenke mit den Fußgelenken zusammen. So ließen wir ihn erst einmal liegen. Diese Lage musste ihm die schlimmsten Schmerzen bereiten; auch wenn er wie alle Indianer von früh an daran gewöhnt worden war, sie auszuhalten.

Nach einer Weile trat ich wieder zu ihm. Sein Körper sah fast wie ein Ring aus, so krummgeschlossen hatten wir ihn. Doch entweder war er noch schmerzunempfindlicher als jeder andere, den ich bis dahin kennengelern hatte oder er hatte wirklich eine unglaubliche Selbstbeherrschung.

Ich richtete wieder meine Fragen an ihn, aber wieder antwortete er nicht. So ging das über mehrere Stunden. Old Shatterhand war inzwischen nicht wieder zu sich gekommen, und ich rief nun zornig aus: "Dieser Hund von einem Apachen will nichts gestehen, und den anderen habe ich erschlagen. jammerschade."

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