Lotosfüße - Blauroter Methusalem

Waldemar
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Lotosfüße - Blauroter Methusalem

Beitragvon Waldemar » 24 Jan 2018 08:55

Liebes Forum,

ich hatte mich die Tage mit einem Kollegen über Lotosfüße bzw. Lilienfüße unterhalten (also Füße von Frauen in China, die durch starkes Einbinden bzw. das Brechen von Fußknochen für irgendwelche Schönheitsideale deformiert wurden). Im Gespräch kamen wir darauf, dass wir uns dunkel (oder falsch) daran erinnern, dass diese "Füße" auch im Werk von Karl May vorkommen. Wir hatten auf den Blauroten Methusalem getippt... finden aber weder die Stelle, noch ein anderes Werk, in dem dieses Thema auftaucht. Haben wir uns so falsch erinnert - oder bringen gar etwas durcheinander?

Sicher hat einer von Euch einen besseren Überblick über das Werk Karl Mays. Wir würden uns über jeden Hinweis freuen.

Vielen Dank

Waldemar

Rene Grießbach
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Re: Lotosfüße - Blauroter Methusalem

Beitragvon Rene Grießbach » 24 Jan 2018 10:18

In "Kong-kheou, das Ehrenwort" bzw. "Der blaurote Methusalem" gibts das tatsächlich.
Die Gäste hatten sich kaum gesetzt, so erschien die Dame am Arme einer Dienerin. Sie bedurfte einer solchen Stütze, da sie allein nur schwer zu gehen vermochte, eine Folge der größten chinesischen Schönheit, welche sie besaß, nämlich ihrer Klumpfüßchen.
Den Töchtern vornehmer Eltern werden gleich nach der Geburt die acht kleinen Zehen der Füße nach der Sohle zu umgebogen und mittels Bandagen da festgebunden. Nur die große Zehe darf ihre Lage behalten, entwickelt sich aber auch nicht naturgemäß, da der ganze Fuß und also auch sie unter der grausamen Behandlung sehr zu leiden hat. Die Zehen, und vor allen Dingen die Nägel derselben, wachsen in das Fleisch der Sohle hinein, was langwierige Schwärungen und natürlich große Schmerzen bereitet.
So ein armes Kind lernt niemals gehen, sondern nur humpeln, nimmt aber das alles gern in den Kauf, um so glücklich sein zu können, einen - schönen Fuß zu haben. Dieser Fuß besteht nur aus der unter den Mittelfuß gewaltsam vorgedrückten Ferse und der großen Zehe. Das Pantöffelchen, mit welchem diese letztere bekleidet ist, hat allerdings die Kleinheit eines Puppenpantoffels; desto unförmlicher aber ist der Teil des Fußes, den man nicht zu sehen bekommt, da das lange Gewand ihn bedeckt.
Das beschwerliche, schmerzhafte Gehen ist nicht ohne Einfluß auf Körper und Geist. Es hängt beiden etwas Krüppelhaftes an. Ein Mensch, der nicht gehen, der sich nicht anmutig, frisch, gewandt und kräftig bewegen kann, wird gewiß gedrückten Gemütes oder Geistes sein.
[Karl Mays Werke: Kong-Kheou, das Ehrenwort, S. 404 / 405. Digitale Bibliothek Band 77]


Auch in "Und Friede auf Erden" wird das erwähnt:

Ihr Vater war droben in Hla-Sa, der Hauptstadt von Tibet, wo der Dalai-Lama thront, Gouverneur des Kaiserreiches China gewesen. Dort wurde sie geboren, und daher kam es, daß ihre Füße nicht zu chinesischen Klumpfüßchen verunstaltet worden waren.
[Karl Mays Werke: Und Friede auf Erden!, S. 582. Digitale Bibliothek Band 77]


In der Erzählung "Der Kiang - lu" gibt es eine dem ähnliche Erwähnung:
Das Mädchen war hoch und schlank gewachsen und hatte, wenn man vom Nationaltypus absah, recht angenehme, aber traurig überhauchte Gesichtszüge und besaß unverkrüppelte Füße, was sie wohl dem Umstande zu verdanken hatte, daß sie die Tochter eines Mongolen war.
[Karl Mays Werke: Am Stillen Ocean, S. 379. Digitale Bibliothek Band 77]
Zuletzt geändert von Rene Grießbach am 24 Jan 2018 11:16, insgesamt 4-mal geändert.

Waldemar
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Re: Lotosfüße - Blauroter Methusalem

Beitragvon Waldemar » 24 Jan 2018 10:43

Kurz und schmerzlos: grandios! Ich freue mich sehr.

Herzlichen Dank

Waldemar

Rene Grießbach
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Re: Lotosfüße - Blauroter Methusalem

Beitragvon Rene Grießbach » 24 Jan 2018 10:47

Bereits in seinem ganz frühen Werk "Das Buch der Liebe" benennt Karl May diese Prozedur, verbunden mit einer zum Ausdruck gebrachten Hoffnung:
Das bekannte Verkrüppeln der Füße kommt nur bei den Frauen ersten Ranges vor; doch steht zu erwarten, dass diese für die armen Kinder so grausame und schmerzhafte Prozedur, welche das Weib der Freiheit und besten Lebensgenüsse beraubt, mit der Zeit verschwinden werde.
[Karl May, "Das Buch der Liebe", KMV, S. 122/123]

markus
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Re: Lotosfüße - Blauroter Methusalem

Beitragvon markus » 24 Jan 2018 12:02

Das ist ja grauenhaft.

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