Waldröschen

Marlies
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Waldröschen

Beitragvon Marlies » 25 Dez 2015 08:49

Ich wundere mich - geht's nur mir so, oder wemanders auch? Da les ich doch Waldröschen durch, und bis ende 'Abtheilung 2' denke ich - no jo, nid schlecht, und dann - woher kommt denn der koeniglich-kaiserliche Husaren Krimskrams a la zweite Generation her? Da warted man ganz geduldig auf ein 'Robinson Crusoe' Abenteuer (von wegen Jagd um die Welt herum und so weiter), und was kriegt man? Kaiser Max und Bismarck ... wer hat denn dem May diesen Spatz in's Hirn gegeben? Da passt doch nix - 10 extra Jahre in ein 4-Kapitel Loch hineingestopft und den Roman verpfuscht. Und dann gehts endlich weiter im 'Anfang des Endes' - und die Helden haben 'nur laengere Baerte'?. Ich sag bloss ... Ich wundere mich nur...Muenchmeyer? Hat der May darum spaeter so laut gerufen 'Ich habe Eingriffe in mein Schreiben nie geduldet' (oder so aehnlich).
cheers
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Rüdiger
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Re: Waldröschen

Beitragvon Rüdiger » 25 Dez 2015 16:43

Die Verschachtelung ganz unterschiedlicher Handlungsstränge kennen wir ja bei Karl May auch aus vielen anderen Werken. Mich hat da nichts gestört, und daß da nichts passe und der Roman "verpfuscht" sei, habe ich auch nicht empfunden.

Helmut
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Re: Waldröschen

Beitragvon Helmut » 25 Dez 2015 17:03

... außerdem gibt es ja auch bei anderen Kolportageromanen einen aktuellen Bezug (z.B. deutsch-franz. Krieg 1870/71 "Die Liebe des Husaren", der Tod Ludwig II bei "Der Weg zum Glück", die Hohenzollern auf den deutschen Kaiserthron "der beiden Quitzows ...") und dies war sicher ein wichtiges "Marketing"-Argument, und beim Waldröschen eben der "arme Kaiser Max".

Helmut

Rüdiger
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Re: Waldröschen

Beitragvon Rüdiger » 25 Dez 2015 17:09

Helmut hat geschrieben:
Die Liebe des Husaren

Es war einmal ein treuer Ulan ...

;-)

Marlies
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Re: Waldröschen

Beitragvon Marlies » 26 Dez 2015 01:26

Howdy, Ruediger und Helmut
Verschachtelung waere schoen - nur, wenn man's zum ersten mal liest findet man in 'Abtheilung 3' 4 Kapitel in 'einer Schachtel' sozusagen. Das Marketing-Argument ist mir schon klar; aber auf so krasse, unelegante Weise? Den Kaiser Max koennte ich noch begreiffen - aber Bismarck, der 'kleine Kurt' und Geierschnabel auf ein und demselben politischen Karusell? (then again - reality is stranger than fiction) - die Geschichte mit dem Geierschnabel ist eine erstklassige Humoreske - da kann ich die 'Verschachtelung' noch sehen, mit den spaeteren pathfinder fuer Lindsay. Anstatt Bismarck'sche Ordenausgebungen und Handschlaege, waere mir auch eine 'extra Schachtel' mit Lindsay und dem 'Panther des Suedens' doch lieber gewesen. ;-) das haette noch in the 'Jagd rund um die Welt' gepasst. Bismarck aber, und die 'Romanze' zwischen Sternau's Tochter und dem 'kleinen Kurt' hat den Roman - na ja - etwas zu Viktorianisch gepraegt. Schade.
(Die anderen Fortsetzungsroman habe ich gar nicht angeschaut - spielen die ganz in Europa? Dann darf da Ludwig II und die Hohenzollerns schon drin sein. Und ...Quitzow... ist eine May/Goldmann 'co-production'.)
Apropos 'Marketing-Argument', wessen 'job' war das? Des Verlegers oder des Schreibers? Eben, drum denke ich dass Bismarck/Kaiser Max eine 'Marketing Idee vom Verleger' war. Wo der May alleine der Entscheidende war ueber den Inhalt und dessen Verlauf, da sind solche Verschachtelungen mehr oder weniger huebsch angelegt ('Weihnacht!" zum Beispiel, doch der ist kuerzer) - aber beim W.R. schtubbst man sich den grossen Zeh an den 4 ersten Kapiteln von 'Abtheilung 3'. (Meine persoenliche Meinung, und die ist nicht 'the be all and end all' in der KM Welt). W.R. ist eben W.R.
:-)
Wuensche noch eine allgemein friedliche Zeit fuer den Jahresabschluss.
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Re: Waldröschen

Beitragvon Marlies » 26 Dez 2015 02:20

PS an Ruediger

;-) na ja, das meiste 'passt schon' - nur, da ist ein klitzekleines Detail, und das hat mit Jurez, Max, und Bagdad zu tun. Juarez fluechtete zwei mal; im 1858 als interim President nach Vera Cruz, und nachdem er als President in his own right gewaehlt wurde im 1864 nach Norden, waehrend der Franzoesischen Invasion. Nun kommt Lindsay in El Refugio an, das war der Hafen des Rio Grande, auch 'Bagdad' genannt. May beschreibt den so:
"Trotz der Groesse des Rio Grande und der vielen Hilfsmittel, mit denen El Refugio von der Natur aus bedacht wurde, ist diese Stadt dem Verkehr noch fernliegend geblieben. Es hat dies seinen Grund theils in den ungeordneten Zustaenden jener Gegenden und theils darin, dass die Binnenlande, welche der Strom durchfliesst, sich dem Handel, das heisst dem Welthandel, bisher noch verschlossen haben. // So kam es, dass in dem Hafen, als der Englaender ankam, ausser einer elenden brasilianischen Barke, keine groesseren Schiffe lagen."
Das stimmt bis ungefaehr 1860/61, aber dann nicht mehr. Von 1861 wurde Bagdad einer der verkehrsreichsten Haefen an der Seite des Golfes, wegen der 'Union Blockade' des Zivilkrieges. Waehrend 4 Jahren war Matamoros (El Refugio / Bagdad) ein Hafen der Konfederierten, um die Baumwolle zu verschiffen. Zwischen England und Bagdad war ein regulaerer 'Steamship' Verkehr, im Juni 1863 180-200 Hochseeschiffe lagen da vor Anker um Kargo aufzuladen.
Obwohl die Blockade im 1865 zu ende war, der Hafen bestand noch einige Zeit darnach; successive Hurricanes zerstoerten ihn und der im 1874 - 60 Stunden lang - zerstoerte den Hafen fuer alle Zeit.

Drum ... in welcher Zeit legte May das 2te Mexico Abenteuer fuer Sternau an? Manchmal sind es kleine Details ... Die Binnenlande waren zur Zeit von Max schon lange dem Welthandel offen (waeren sonst die Franzosen gekomman? maybe).

Generell war May ziemlich praezise mit Orten, deren Beschreibung zur Zeit der Abenteuer, und wer wo lebte und handelte. (Im Suedamerika Roman hat er zwar auch so ungefaehr 10 (oder so) politische/revolutions Jahre auf ein paar Monate geschrumpft).

Darum passt fuer mich der 4-Kapitel Einschub nicht in's May'sche Wirken, es ist irgendwie krampfhaft eingekeilt worden.
cheerio
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Re: Waldröschen

Beitragvon Rüdiger » 26 Dez 2015 10:17

Marlies hat geschrieben:Bismarck aber, und die 'Romanze' zwischen Sternau's Tochter und dem 'kleinen Kurt' hat den Roman - na ja - etwas zu Viktorianisch gepraegt. Schade.

Entsprechend er 'viktorianischen' Züge in May selber ... der war eben auch nicht einheitlich. Wie wir alle nicht.

Die anderen Fortsetzungsroman habe ich gar nicht angeschaut - spielen die ganz in Europa?

Der 'Verlorne Sohn' spielt in Deutschland, die 'Liebe des Ulanen' in Deutschland, Frankreich und Nordafrika, die 'Deutschen Helden' rund um die Welt und der 'Weg zum Glück' in Deutschland und der näheren Umgebung.

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Re: Waldröschen

Beitragvon Helmut » 26 Dez 2015 10:19

Marlies hat geschrieben:Und ...Quitzow... ist eine May/Goldmann 'co-production'.)
Wuensche noch eine allgemein friedliche Zeit fuer den Jahresabschluss.
m


Nur der Vollständigkeit halber "Axmann/May Ko-Produktion" (Goldmann hats nur mehr schlecht als recht beendet.)
(Nur weil ich erst den Beginn von Axmann gelesen habe, konnte ich Mays Fortsetzung genießen, denn er hat schon damals gezeigt, was so noch in einem solchem Stoff "drinsteckt" (und dann natürlich auch noch ein gewsisser Teil an Lokalpatriotismus für das ehem. "Nürnberger Burggräflein").

Dem anderen Satz kann und will ich mich nur anschliessen.

Helmut

PS.: "Ulan/Husar", diese Militärs sind mir alle gleich (unsympathisch) ;-)

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Re: Waldröschen

Beitragvon Helmut » 26 Dez 2015 10:22

Rüdiger hat geschrieben:
Marlies hat geschrieben:
Die anderen Fortsetzungsroman habe ich gar nicht angeschaut - spielen die ganz in Europa?

und der 'Weg zum Glück' in Deutschland und der näheren Umgebung.


Deutschland, Österreich und Italien ;-)

Helmut

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Re: Waldröschen

Beitragvon Rüdiger » 26 Dez 2015 10:26

Marlies hat geschrieben:Das stimmt bis ungefaehr 1860/61, [...]in welcher Zeit legte May das 2te Mexico Abenteuer fuer Sternau an?

Mit Jahreszahlen habei ich mich in Sachen May äußerst selten beschäftigt ... Weil ich sie bei ihm für recht irrelevant halte.

Und so Dinge daß Eisenbahnen fahren ohne daß es die Bahnlinie zu der Zeit gegeben hätte usw. stören mich überhaupt nicht ... Wenn er gerade irgendwo eine Eisenbahn braucht dann gibt es halt eine ... Darauf kommt es nicht an. (Vgl. Feuchtwanger, Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans, im Netz nachzulesen.)

Generell war May ziemlich praezise mit Orten, deren Beschreibung zur Zeit der Abenteuer, und wer wo lebte und handelte.

Vermutlich in den Fällen wo er abgekupfert hat ... Sonst eher nicht.

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Re: Waldröschen

Beitragvon Helmut » 26 Dez 2015 10:28

... und um noch ein wenig "Werbung" zu betreiben:

http://www.karl-may-franken.de/im_blick/kolportage.html

Helmut

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Re: Waldröschen

Beitragvon Rüdiger » 26 Dez 2015 10:29

Helmut hat geschrieben:Deutschland, Österreich und Italien ;-)

Sag ich ja.

:-)

Tschechien nicht zu vergessen. Alias Tschechoslowakei alias Tschechei alias Böhmen und sonstnochwas. Da bleibe ich lieber bei der "näheren Umgebung".

;-)

Helmut
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Re: Waldröschen

Beitragvon Helmut » 26 Dez 2015 10:33

... das war zu jener Zeit noch Österrech ... ;-)

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Re: Waldröschen

Beitragvon giesbert » 26 Dez 2015 10:55

Marlies hat geschrieben:aber auf so krasse, unelegante Weise?


Man sollte nicht vergessen, unter welchen brutalen Bedingungen die Romane entstanden sind. May schrieb diese Monstren teilweise parallel mit einem irrwitzigen Arbeitspensum. Wenn ich mich da richtig erinnere, machte er in seinem Schreibtisch eine Mulde, in die er die Tinte gegossen hat, weil der Weg Feder - Tintenfass - Papier einfach zu lang und zeitraubend war, so war das Nachfüllen der Feder eine fließende Bewegung.

In "Mein Leben und Streben" heißt es mal: "Die Wahrheit ist, daß ich auf meinen Stil nicht im Geringsten achte. Ich schreibe nieder, was mir aus der Seele kommt, und ich schreibe es so nieder, wie ich es in mir klingen höre."

Das ist eine sehr beschönigende Umschreibung einer unvorstellbaren Schreibfron - die Romane waren Fließbandarbeit.

May schrieb die fünf Romane mit je pimaldaumen 3.500 Druckseiten (im Satzspiegel der HKA) zwischen 1882-1888, also in 7 Jahren rund 24.000 Druckseiten. Das sind, grob geschätzt, rund 48.000 handschriftliche Manuskriptseiten. Macht 48000/7/365 ~ 18 Seiten pro Tag. Mit der Hand. Und einer Feder, die regelmäßig in Tinte getaucht werden musste. Ohne Wochenende, ohne Urlaub.

Selbst wenn man die Zahlen niedriger ansetzt, ist das ein unglaubliches, aberwitziges Pensum.

Und er schrieb in dieser Zeit nicht nur die 5 Kolportage-Monstren, sondern auch noch ein paar andere Romane und Erzählungen.

Unter diesen Bedingungen ist eine sorgfältige Planung überhaupt nicht möglich, da kann auch nicht groß korrigiert oder umgebaut werden. Die Manuskriptseiten gingen praktisch noch tintenfeucht direkt zum Setzer. May hat wohl Korrekturfahnen bekommen, die aus Zeitmangel aber nicht weiter beachtet.

Erstaunlicher als die Fehler in den Texten ist IMHO eher, dass die Romane überhaupt als Romane funktionieren - und dass es unterm Strich dann doch so wenig Fehler sind.

giesbert
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Re: Waldröschen

Beitragvon giesbert » 26 Dez 2015 11:17

Rüdiger hat geschrieben:Und so Dinge daß Eisenbahnen fahren ohne daß es die Bahnlinie zu der Zeit gegeben hätte usw. stören mich überhaupt nicht ... Wenn er gerade irgendwo eine Eisenbahn braucht dann gibt es halt eine ...

Genau so.

Es gibt das ja diese Szene mit der Giftschlange, die ein Finsterling der bedrängten Schönen ins Schlafgemach schmuggelt (war im "Ulanen", oder?). Die Schlange spielt dann in einer Fortsetzung eine wichtige Rolle, danach verschwindet sie einfach aus dem Text, ohne dass erklärt würde, wo sie abbleibt.

Das ist imho ein schönes Beispiel dafür, wie Kolportage funktioniert: Wenn etwas benötigt wird, ist es da, wenn nicht, dann nicht. Und alle Versuche, solche "Fehler" zu glätten oder auszubügeln, gehen imho am Text vorbei.

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